Einblick in den Alltag der Schulsozialarbeiterin

Ursina Bachmann, 27, ist seit Januar 2005 Schulsozialarbeiterin an der Oberstufe Turbenthal-Wildberg mit einem Pensum von 40%. Sie berichtet in den folgenden Zeilen über einen ganz gewöhnlichen Arbeitstag. Die Personen und ihre Geschichten sind aus Datenschutzgründen fiktiv (SchulsozialarbeiterInnen unterstehen der Schweigepflicht), aber trotzdem realistisch.

Eine vielseitige Arbeit

Mein Arbeitstag beginnt meistens um 8.00 Uhr. Zuerst schaue ich noch kurz die vorbereiteten Unterlagen durch, bevor um 8.10 Uhr die Schülerin X kommt. Wie viele meiner Klientinnen und Klienten nutzt X das Angebot der Schulsozialarbeit regelmässig und kommt schon seit einer Weile einmal pro Woche bei mir vorbei. Ihre Eltern wohnen seit längerem in der Schweiz, können ihr aber bei der Lehrstellensuche kaum helfen, da sie mit der deutschen Sprache und dem Zürcher Bildungssystem zu wenig vertraut sind. Ich unterstütze X beim Schreiben ihrer Bewerbungen, bin aber auch in Kontakt mit dem Klassenlehrer, mit den Eltern und allenfalls mit der Berufsberatung. Dieses vernetzte Arbeiten ist ein wichtiger Aspekt meiner Tätigkeit: Alle involvierten Stellen sollten miteinander die Schülerinnen und Schüler auf ihrem Weg begleiten.

Nachdem X ihre Bewerbungen fein säuberlich verpackt hat und gegangen ist, hole ich die Dossiers der drei Schüler hervor, die heute angemeldet sind. Ich werfe einen Blick in die Aktennotizen und vergegenwärtige mir die letzten Gespräche. Heute werden wir die Themen «Provozieren während dem Unterricht, Spannungen im Elternhaus und Hänseln auf dem Pausenplatz» behandeln. Es sind typische Themen in meiner Tätigkeit als Schulsozialarbeiterin und doch gibt es keinen Raster und kein Schema, um sie zu bearbeiten. Jede Situation ist neu und ruft nach einem eigenen Weg. Mit den Anhaltspunkten aus den bisherigen Treffen und den Zielen, welche sich die Schüler für die Zeit bei der SSA gesetzt haben, plane ich schliesslich die Grobstruktur der heutigen Gespräche.

Jugendliche brauchen Ziele

Die Ziele der Jugendlichen sind ein Hauptbestandteil meiner Arbeit. Bei den einen müssen zuerst solche Ziele gesucht werden. Sie müssen nicht weltbewegend und riesengross sein, sondern wünschenswert, realistisch und innert nützlicher Frist erreichbar. Mit anderen Schülern arbeite ich daran, dass sie wirklich das Ziel finden, das ihnen (und nicht den Kollegen, den Eltern oder der Lehrperson) wichtig ist. Ist das Ziel definiert, geht es um die Begleitung bei der Umsetzung. Wir teilen es in überschaubare Unterziele und erstellen einen genauen Plan, wie und womit das Hauptziel erreicht werden kann. Nach einer zuvor vereinbarten Zeit holen wir den Plan hervor und überprüfen, ob der eingeschlagene Weg bereits Erfolg zeigt, ob er weiter verfolgt oder allenfalls angepasst werden soll.

Die Methoden in der direkten Arbeit sind so unterschiedlich wie die Jugendlichen und ihre Themen selbst. Während einige vor allem das Gespräch und die gedankliche Auseinandersetzung mit einem Thema suchen, liegt das direkte Ausprobieren und Erleben den anderen mehr. Gerne gebe ich den Schülern hin und wieder eine kleine Aufgabe, ein kleines Experiment zum Ausprobieren mit. Sie sollen damit die Auswirkungen unterschiedlichen Verhaltens erleben und motiviert sein, mit diesen Effekten zu spielen und ihr Handeln ihren Zielen entsprechend zu gestalten.

Eine vernetzte Arbeit

Um die Jugendlichen optimal zu begleiten, sind der Kontakt zu den Lehrpersonen und das Wissen über die aktuelle Stimmung und das Geschehen an der Oberstufe sehr wichtig. Deshalb nehme ich am Lehrerkonvent teil und versuche, pro Tag eine grosse Pause im Lehrerzimmer zu verbringen. Das ermöglicht den Lehrerinnen und Lehrern auch, spontan mit ihren Anliegen zu mir zu kommen. Nach einem solchen Pausengespräch habe ich heute mit einem Lehrer einen Termin vereinbart. Er kommt nach Schulschluss in mein Büro und berichtet von Schüler Y, um welchen er sich Sorgen macht. Y scheint es nicht gut zu gehen. Seine Leistungen sich auffällig gesunken und er beteiligt sich nicht mehr am Unterricht oder am Klassengeschehen. Ich empfehle dem Lehrer, den Schüler morgen während der Klassenstunde zu mir zu schicken. So kann ich mit ihm reden und versuchen, die Gründe dieser Veränderung zu eruieren. Falls es ein Thema ist, das in meiner Kompetenz liegt und Y bereit für eine Begleitung ist, vereinbaren wir weitere Termine. Übersteigt das Thema meinen Arbeitsbereich, vernetze ich ihn weiter. Falls Y aber keine Unterstützung möchte, lasse ich ihn wieder springen, da die Freiwilligkeit eine Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche SSA ist.

Im Allgemeinen werde ich eher von Mädchen spontan aufgesucht, während Knaben meistens von der Lehrperson geschickt werden. Mein Umzug vom Pavillon ins Schulzimmer 1 der Oberstufe und das Göttiprojekt, das ich anfangs Schuljahr betreute, haben aber stark geholfen, die Hemmschwelle für einen spontanen Besuch zu senken.

Soweit zum «direkten» Teil meiner Arbeit. Zwischen den Gesprächen habe ich Zeit, an der Vorbereitung der Gesundheits-Projektwoche im Juni zu arbeiten, Akten zu führen, eine andere Schulsozialarbeiterin wegen einem Präventionskonzept anzurufen oder mit einer Fachstelle zu telefonieren.

Inzwischen ist es 17.00 Uhr, der Tag war farbig und spannend. Ich lege noch ein paar Unterlagen für eine Schülerin bereit und mache mich mit dem Velo auf den Heimweg.

Interview Christiane Tüscher, Aktuarin Oberstufenschulpflege

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